Eine kulinarische Reise in die Basilikata: „Was willst Du mehr vom Leben?“
„Cosa vuoi di piú della vita?“ – ein kreierter Werbespruch der Firma von Amaro Lucano, dem Bitterlikör aus der Region, den jede basilikatische Hausfrau im Schränkchen hat – spricht unserem „kulinarischem Reise-Trio“, Pino Bianco (Inhaber der Trattoria Muntagnola in Berlin), Ralph Kartelmeyer, dem Fotografen und Fernsehfilmer, sowie mir, Rose Marie Donhauser, Autorin für das bevorstehende Kochbuch über die Basilikata, förmlich aus der Seele, als wir uns 8 Tage durch die Region schlemmten…Mit Direktflug von Berlin nach Neapel, dann mit einem Mietauto drei Autostunden südlich, mit Ziel in die Landschaft Basilikata (Gesamtfläche 9.992 km2), die zwischen Apulien und Kampanien eingebettet ist und Küstenbereiche am „Mar Tirreno“ und „Mar Iono“ besitzt.
1.Tag Stadt Senise „Du musst die Seele des Landes spüren, denn das Essen erzählt über die Identität eines Volkes“, erzählt Pino über seine Heimat und somit war klar, dass wir die Region heimsuchen müssen… Pino Bianco ist mit Herzblut und Leidenschaft der Botschafter seiner Region, was auch bedeutet, dass seine Trattoria authentisch und fast ausschließlich mit Produkten aus der Basilikata kocht. Für sein fortwährendes Engagement wurde Pino am Samstag, 20.2.2010 in der Stadt Senise als „Ambasciatore del Cibo Lucano“ – als führender Gastronom im Ausland, vom Consorzio di Promozione Turistica „GustoBasilicata.it“ ausgezeichnet. Dafür unseren herzlichen Glückwunsch.
Unsere erste Unterkunft, einige Kilometer außerhalb Senise, war in einer fürstlichen Herberge, dem „Grand Relais La Chiusa“, das dem „Agriturismo“ (Landhaus-Tourismus) angehört. Alle Produkte beim Mittagessen waren ausschließlich regional, saisonal und perfekt zubereitet. Und begleitet von einem Rotwein Arenegro 2005, hergestellt von den heimischen Weintrauben Aglianico del Vulture. www.lachiusagrandrelais.it
2. Tag Auf dem Weg nach Scanzano Jonico – dem Heimatort von Pino Bianco, bremste Pino den Punto scharf, um einem Schild nachzufahren, denn hier ging es zur „Formaggi & Ricotte da Agricoltura Biologica in San Paolo/Trosa, wovon er Käse für seine Trattoria bezieht. Hier wird seit 1999 aus Rohmilch von Schafen Käse hergestellt, die Spezialität ist ein cremiger Weichkäse, der „Caciotto del Pollino“, wozu die Rohmilch mit Holzlöffeln aus Kirschbaumholz gerührt wird. Email: tosasanpaolo@tiscali.it Unser Mittagessen nahmen wir bei dem bekannten Fernsehkoch und Restaurantbesitzer vom „Luna Rossa“ in Terranova di Pollino bei Federico Valicenti ein. Seine Kochkunst und seine Liebe zur Region, verbunden mit einer ehrlichen lukanischen Küche, locken kulinarische Pilger von weither an – es ist selten ein Tisch bei ihm noch frei. www.federicovalicenti.it Federico wurde auch am 20.2. für seine Verdienste um die lukanische Küche mit dem „Ambasciate Ristoranti“ von www.GustoBasilicata.it ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch!
3. Tag Erdbeeren, Weintrauben, Orangen, Clementinen, Römersalat und Dill – und wir mittendrin. www.assofruit.com ist eine große Organisation bzw. Sammelstelle rund um Scanzano, für Obst- und Gemüselieferungen für das In- und Ausland. Es ist gigantisch schön, vor Ort zu sehen, wie pflückfrisch Zitronen und alle saisonalen Produkte in entsprechende Kisten verpackt und sofort auf den Transportweg geschickt werden. Genauso wie bei der Firma Nicofruit, info@nicofruit.it , bei denen wir uns den Bauch mit frischen Erdbeeren voll geschlagen haben. Weiter ging es zu Marzia Ferrara, die uns in der Familieneigenen Manufaktur die Verarbeitung der Oliven zum Olivenöl erklärte. Dabei ist es wichtig, die heimischen Olivensorten (Leccino 30%, Picholine 30%, Ogliorola 30% und Coratino 10%) zu mischen, damit ein gutes Öl entsteht. Das besondere „Olio extra Vergine di Oliva“ ist zu
bestellen bei marzia.ferrara@libero.it Bei unserem Besuch bei Salvatore Martelli, Presidente Distretto Agroalimentare die Qualitá del Metapontino, ließen wir uns über die Agrarproduktion des Gebietes aufklären und bekamen interessante Informationen für weitere Besuche von Firmen, die von großer Bedeutung für die Region sind. www.distrettoaqmetapontino.it
Wiederum eine schöne Adresse für Genießer zum Übernachten, etwas außerhalb von dem hübschen Ort Bernalda: „Azienda Agrituristica Relais Masseria Cardillo“, wunderschön gelegen am Hang, im Wald uneinsehbar eingebettet und mit Blick auf das Tal. Hier wird auch guter Wein hergestellt, der abends auf der heimeligen Terrasse besonders gut schmeckt. www.masseriacardillo.it Obwohl wir drei uns schon ziemlich gut durch den Vormittag genascht hatten, war der Besuch in der „Trattoria Antichi Sapori Lucani“ eine so große Esserei, dass wir anschließend eine Siesta brauchten. Ein sehr heimeliges Lokal, in dem Mama kocht, Papa hinterm Tresen steht und Sohn und Tochter servieren. Mozzarella als Stracciatella in Lake, Carciocavallo und Pecorino mit Brot und getrockneten Oliven sowie Salsiccia (Wurst) zur Vorspeise und danach typische Nudeln mit Kichererbsen in Tomatensauce. Frisch gestärkt ging es dann weiter zur Masseria Lanzolla. Wir standen auf der Terrasse des herrschaftlichen Landsitzes und konnten uns nicht satt sehen an den weiten Feldern, auf denen Oliven-, Orangen- und Zitronenbäume stehen sowie an den Rebflächen für den hauseigenen Wein. Anschließend waren wir im Weinkeller und probierten uns durch die guten Tröpfchen, besonders der beliebte Primitivo hatte es uns angetan. www.masserialanzolla.it Für einen Ferienaufenthalt auf dieser großen Farm stehen Appartments für über 18 Personen zur Verfügung.
4. Tag Nach einem erfrischenden Spaziergang an der Küste des ionischen Meeres, ging es wieder ab ins Erdbeerfeld, um nahe bei Scanzano Jonico, bei NicoFruit info@nicofruit.it die Ernte mitzuerleben. Welch ein Erlebnis, pflückfrisch die Gaben der Natur zu verzehren und sich wie Kinder zu (er)freuen, weil es so lecker schmeckt.. Zum Mittagessen waren wir von Rocco Contangelo, einem Olivenölproduzenten (Bioqualität, u.a. Lieferant für Demeter Deutschland) herzlich eingeladen und schmeckten uns quer durch seine Oliven. Olivenöl in Weißbrot getunkt, eingelegte Oliven von der Sorte „San Bernadotte“ und Spaghetti mit Olivenpesto. Scarmorza, ein italienischer Filatakäse, geräuchert und in Scheiben leicht erwärmt, bildete zusammen mit dem Kräuterlikör „Mirto Lucano“ den Abschluss. Der biodynamische Betrieb San Canio contangelo@virgilio.it erstreckt sich mit 32 Hektar Anbaufläche und etwa 12.000 Olivenbäumen (sowie etwa 3000 Bäumen, die zu jung zum Früchte tragen sind) auf den Hügeln bei Montescaglioso (Matera). Es werden Olivenöl extra Vergine, Olivenöl extra Vergine mit Wildkräutern, Olivencreme und Oliven in Salzlake hergestellt. Nach soviel gutem „Mangare“ (Essen) gab es eine Sightseeing Tour in Matera, ausgehend von dem hübschen Kaffeehaus „Tripoli“, in welchem wir die süßen Seiten der Basilikata ausgiebig erforschten. Die „Rioni Sassi di Matera“, Höhlensiedlungen, wurden von der Unesco 1993 zum Weltkulturerbe erklärt und müssen mit eigenen Augen gesehen werden – wir konnten uns gar nicht satt sehen. Zudem wird Matera oft genug als Filmkulisse für historische Filme verwendet, „Die Passion Christi“ mit Mel Gibson wurde in Matera gedreht.
5.Tag Die Fahrt über „Craco“, dem verlassenen Dorf (Craco wurde wie Matera in den Felsen geschlagen, letztendlich aber wegen einem Bergrutsch 1963 verlassen), die Berge rauf und runter, immer wieder große Schafherden sehend, war beeindruckend. Ziel war eine Azienda Agricola „Per boschi e contrade“ www.boschiecontrade.it , einem landwirtschaftlichen Betrieb unter der Leitung von Paola de la ville sur illon. Alles was zwischen „Wäldern
und kleinen Häusern“, so die Übersetzung, angebaut und geerntet wird, daraus stellt diese kleine Manufaktur Konfitüren, Chutney und eingelegte Früchte her. Besonders die typischen Bohnen aus der Gegend von Sarconi „Fagioli di Sarconi“ werden hier zu „Fasoldo classica“ oder „Fasoldo crema dolce di fagioli“ verarbeitet. Weiter ging es einer Pasta-Manufaktur in Moliterno, nahe Sarconi, „Pastificio Cirigliano“ pastificiocirigliano@tiscali.it Was is(s)t denn nun so typisch für die lukanische Hausfrau, wenn sie Pasta kocht? Strascinati, Fusilli, Triscidd, Lagane, Sfoglia (Nudelplatten für die Lasagne), Cortecce A5 Dita und Ravioli, war die Antwort. Tja, es sind nicht immer die Teigschnüre (Spaghetti)… Und dann ab auf die Alm, zur „La Fattoria del Caciocavallo“, hoch über Sarconi. Der Familiengeführte Betrieb von Nicola und Ielpo Raffaela stellt beeindruckenden Käse her. Zuständig dafür sind die 15 Kühe, die wir auch persönlich besucht haben. Noch heute ist mir der gute Käsegeschmack im Gedächtnis und vor allem auf dem Gaumen…
6.Tag Bei soviel gutem Essen, herzlicher Gastfreundschaft und vielen Gesprächen rund um Produkte, Land und Leute – war es mal wieder Zeit den Vormittag am Meer auszulüften und frische Kräfte zu sammeln. Um 12 Uhr trafen wir mit der Familie von der www.masseriacardillo.it im Ristorante et Pizzeria „Al Vecchio Frantoio (die alte Ölmühle) in Bernalda zum (Arbeits)essen zusammen. Mit dem hauseigenen Wein „Malandrina Matera Moro“ liefen die Gespräche besonders fruchtbar und die lukanischen Spezialitäten wie Stockfisch mit Peperoni, Haifisch mit Semmelbröseln, Oktopussi auf Saubohnenpürree, Linguine mit Tintenfisch, Peperoni und Tomaten waren alle durchwegs Leckerbissen. Ein doppelter Espresso half uns des öfteren nach diesen opulenten Mahlzeiten wieder auf die Beine – wenn schon keine Zeit für eine Siesta war… Denn wir hatten am Spätnachmittag eine Verabredung mit dem Chef von Amaro Lucano www.amarolucano.it in dem Ort Pisticci, um der Herstellung des bekanntesten Bitterlikörs „Amaro Lucano“ der Region auf der Spur zu sein. Doch Sambuca, Lucano Caffé, Limoncello, Grappa, Grappamaro, Brandy sowie alkoholhaltige Schokoladenhäppchen werden hier auch hergestellt. Die Arbeit von Journalisten kann sehr anstrengend sein, wenn man/frau auch alles probieren soll…
7. Tag Das Informationsmaterial, ob als Prospekte, Fotos oder Produktproben, nahmen mittlerweile gigantische Ausmaße an, hoffentlich nicht auch unser Gewicht… Heute im Landwirtschaftsbüro von Matera prüften wir noch einmal, ob wir genügend Adressen und alle kulinarischen Köstlichkeiten der Region Basilikata dabei haben. Und anschließend ging es zu Bonifacio, einem jungen Künstler aus Matera, der für seine modernen Ölbilder bekannt ist. Er wird im Sommer 2010 bei Pino in der Trattoria Muntagnola eine eigene Ausstellung bekommen. Wir freuen uns schon auf ihn, und vielleicht kommt auch sein Vater mit den Skulpturen, hergestellt aus Pasta, mit. Das Mittagessen im Ristorante Lucanerie, Cucina Tipica della Basilikata war für uns der krönende Abschluss unserer kulinarischen Tour: Es war ein „Festival per la bocca“, ein Fest für den Gaumen mit Spezialitäten wie Pecorino mit Honig, Ricotto con Marmelade, Bruschetta mit Austernpilzen, Feigen mit Wildschwein, Salsicce mit Peperoni, Mangold mit Saubohnenpürree, Fusili mit Semmelbröseln und Tomaten – mit einem typisch regionalen Rotwein „Aglianico del velture“.
Die Basilikata ist eine Reise wert und wir waren traurig, als wir „Arividerci“ sagen mussten. Meine letzte Tat war das Pflücken einer Zitrone, denn die wollte ich als Souvenir mit nach Berlin nehmen. Alle Eindrücke, alle Begegnungen, weitere Besuche in Konditoreien, Bäckereien, Spezialitätengeschäften, Weinbergen, Käsereien und bei italienischen „Mamas“, die uns bekochten, darüber schreibe ich gerne nächstes mal, denn sonst wäre aus diesem kulinarischen Reisebericht ein Buch geworden…aber Pino Bianco und ich schreiben ein Buch über die Basilikata, das im Herbst 2010 im Umschau Verlag erscheinen wird. www.donhauser-essklasse.de www.muntagnola.tv www.berlin-24.tv